Schlagwörter

, , , , , , , , , , ,

Nikolaustag 2013. Werner Waschlewski fühlt sich nicht so gut. Er befindet sich gerade in St. Moritz. 1822 Meter über dem Meeresspiegel.

Werner wohnt seit 1945 in Ückermünde. Sein Haus steht direkt am Oderhaff.
Er schaut seit 68 Jahren auf das flache Wasser zwischen Usedom und der vorpommerschen Küste. Nachts hört er das Rauschen der Wellen. Ückermünde liegt 4 Meter über Normalhöhennull.

Er spürt einen unangenehmen Druck in den Ohren. Добро пожаловать! sagt die Frau an der Rezeption zu ihm.

Werner versteht die Begrüßung, denn er wurde 1940 in Lauenburg geboren, in Hinterpommern. Einen Teil seiner Kindheit verbrachte er in Stolp. 1945 kamen die Russen. Seine Eltern setzten ihn in den großen Bollerwagen und flüchteten ostwärts. Sie fanden in Ückermünde Obdach bei einem Vetter seines Vaters.

Die Dame an der Rezeption beäugt ihn mißtrauisch. Denn Werner starrt einfach zurück. Und sagt nichts. Schließlich hat er seinen besten Anzug an. Dazu einen fast neuen Wintermantel, der allerdings noch in der DDR produziert wurde. Aber er hatte ihn bisher nur dreimal getragen. Warum sollte er ein Russe sein?

Sprechen sie deutsch? fragt Werner. Natürlich.

Denn die junge Frau (Melanie) an der Rezeption ist keine Russin und auch keine Schweizerin. Sie ist einfach eine junge Frau, die aus Goldberg kommt. Goldberg war mal eine kleine Stadt im Kreis Lübz, Bezirk Schwerin. Melanie wurde 1988 dort geboren – kurz vor dem Ende der DDR. Heute gehört Goldberg zu dem Bundesland Mecklenburg-Vorpommern (MV), welches am 3.Oktober 1990 der BRD beitrat. MV selbst wurde am 3.Oktober 1990 gegründet. Dort leben heute ca. 1,6 Millionen Menschen. Die Arbeitslosenquote beträgt offiziell 11 Prozent.
Melanie darf während der Saison in St. Moritz arbeiten. Es lohnt sich, wenn man nur arbeitet und schläft.

Waschlewski bekommt seinen Zimmerschlüssel und schlurft zum Fahrstuhl. 3.Etage, Zimmer 321. Das Zimmer sieht gemütlich aus. Schokolade auf dem Kopfkissen, Bad tadellos, 35 Fernsehprogramme und 3 Videokanäle mit Sexfilmen für alte Böcke. Kostet natürlich Geld – aber weniger als eine echte Nummer.

Alles begann damit, daß seine Tochter vor einem Jahr hier war. Und völlig begeistert. Folgerichtig schenkte sie ihm diese Reise. Drei Nächte und vier Tage. Seine Tochter Sylvia ist nach ihrem Studium nach Heidelberg gezogen und hat eine Zahnarztpraxis; zusammen mit ihrem schwäbischen Ehemann.

Sylvia fliegt dreimal pro Jahr irgendwohin. Werner bekommt dann diese Ansichtskarten, auf denen alles so aussieht, als wären alle Menschen glücklich und ständig im Urlaub.

Werner hatte nach 47 Arbeitsjahren seinen Rentenbescheid bekommen. Netto 812,89 Euro. Sein ganzes Leben schuftete er im VEB Gießerei und Maschinenbau „Max Matern“ Torgelow. Heute ist das eine GmbH. Er kennt dort niemanden mehr.

Es ist 21.00 Uhr. Werner versenkt sein Gebiß im Zahnputzbecher und fällt ins Bett.

Morgens um 7.30 Uhr quält sich Waschlewski in den Speisesaal. Er ist der einzige Gast. Nachts rumorte es überall im Hotel. Offensichtlich konnten die Russen nicht schlafen und mußten Wodka saufen.

Waschlewski besucht das Buffet. Er vermißt seine pommersche Schlackwurst. Die kommt immer noch aus Pasewalk, aber der Inhaber ist jetzt ein  Dipl.-Ing. Detlef Deutschländer. Und das ist ein Wessi mit nerviger Werbung.

Egal, wir sind in der Schweiz. Werner genießt den guten Kaffee und die herrliche Aussicht.

Heute steht eine Tour zum St.Moritz-Bad auf dem Plan. Danach die Attraktionen des Ortes. Am liebsten würde er sofort abreisen. Aber seine Tochter hat die Telefonnummer des Hotels. Er muß durchhalten.

Gegen 9.00 Uhr sitzen alle im Bus. Russen und Wessis. Waschlewski kommt sich vor wie Antimaterie. Bloß nicht irgendwo irgendwas berühren – sonst gibt es eine Explosion.

Er fragt sich, was er seiner Tochter nicht geben konnte. Warum bestraft sie ihn so.
Immerhin durfte sie einmal im Jahr im GENEX-Katalog blättern und für 200 DM bestellen. Das war ein Privileg. Sylvia trug nur Levis oder Wrangler.

Irgendetwas ist schief gelaufen. Sie telefonieren 4 mal im Jahr. Weihnachten,
Silvester und an den Geburtstagen. Waschlewski schließt die Augen und denkt an sein Haff. Er wird noch am Abend abreisen. Was soll er hier. Er möchte nach Hause. Dann ans Grab seiner Frau und dort einfach nur etwas sitzen.

Danach zu Kurt, der hat immer einen doppelten Korn. Einfach schweigen und auf die Pfütze zwischen Usedom und dem Festland schauen.

Der Bus bleibt liegen. Nach 5 Kilometern. Waschlewski freut sich. Er hofft, daß es nicht mehr weiter geht. Leider kommt nach 2 Stunden Hilfe. Der Bus fährt wieder.

Das St.Moritz-Bad hat Waschlewski nie gesehen. Er winkt einem Taxi zu und läßt sich ins Hotel fahren. Von dort zum Flughafen.

Abend sitzt er todmüde und glücklich in seiner Küche und schaut aufs Haff.
Die Wellen sind wie immer. Alles ist grau. Aber er ist glücklich.

Er lächelt und nippt an seinem Darguner Bier. Werner Waschlewskis Welt ist wieder in den Fugen…

Advertisements