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Gunnar hatte sich bei einer dieser Agenturen gemeldet, die Alleinstehende beim Kochen verkuppeln will. Gunnar wohnt im Prenzlauer Berg. Er ist 39 – eher schon Vierzig, denn Ende Januar ist es soweit.

Heiligabend. Gunnar schwingt sich auf sein Diamant-Fahrrad und steuert das Bötzow-Viertel an. Dort warten 3 Frauen und 2 Männer auf ihn. Jeweils ein Mann und eine Frau kochen zusammen. Heute beginnen Frauke und Heiner.

Frauke ist 35, kinderlos, ledig, arbeitet in einer Marketingagentur und kommt aus Bremen. Heiner ist Braunschweiger, 37, ledig und hat eine eigene Kanzlei für Familienrecht.

Gunnar kommt ursprünglich aus Zwickau. Aus der Stadt der Trabanten. Aber das ist schon lange her – damals gab es noch den Bezirk Karl-Marx-Stadt.

Gunnar wird freundlich begrüßt. Es gibt irgendein Trendgetränk, dessen Namen er nie gehört hat und sofort wieder vergißt.

Frauke ist für seinen Geschmack zu laut und zu dick. Die zweite Frau, Wencke, kommt aus Köln und ist 37. Sie studiert hier auf Lehramt. In 3 Jahren ist sie fertig. Sie hat aber eine Brille und lacht andauernd. Nicht sein Fall. Die dritte aber, Sabine, macht einen guten Eindruck. Vielleicht kann er ja mit ihr zusammmen kochen. Sabine kommt aus Nürnberg. Aber sie spricht nicht so. Sabine erzählt ihm nicht, was sie hier macht.

Außerdem sind da noch Maximilian, Münchner, arbeitet am Kuhdamm in einer großen Steuerberatungskanzlei. Und Dieter aus Bochum, der hier als Unternehmensberater aufgeschlagen ist.

Tolle Runde, denkt Gunnar. Wenn die über ihre Kindheit reden, schlafe ich ein. Das Esssen wird serviert. Die Vorspeise sieht aus wie Grünzeug mit Vogelfutter. Alles sehr gesund, sagt Frauke. Und alles aus dem Bioladen. Dazu einen ökologischen Landwein.

Gunnar vertieft sich in sein Essen. Das Gespräch kreist um Bio und Öko und Vegetarier. Gunnar schweigt und würgt an seiner Vorspeise. Er würde jetzt gern ein Radeberger trinken und dazu einfach eine Boulette mit Senf essen.

Es späht zur Terrasse. Die ist riesig. Da kann er bestimmt eine Zigarette rauchen. Denn die anderen sehen nicht so aus, als hätten sie irgendwelche Süchte. Der 1. Gang ist geschafft. Gunnar verdrückt sich auf die Terrasse. Dort gönnt er sich seine geliebet F6 und überlegt, was wohl als nächstes kommt.

Der Hauptgang ist irgendwas Zermatschtes aus dem Ofen – aber ganz lecker. Sagt jedenfalls Heiner. Lustlos stochert Gunnar in dem Brei und merkt, wie die anderen jetzt über Waldorfschulen und Gymnasien reden. Da hält er lieber den Mund.

Seine POS „Fritz Heckert“ und dann die EOS „Clara Zetkin“ sollte er wohl lieber nicht erwähnen. Irgendwie merkt er, daß er lieber in Marzahn oder Hellersdorf sitzen würde. Aber vielleicht ist es dort mittlerweile genauso.

Nach dem 2.Gang schnell wieder auf die Terrasse. Sabine stößt zu ihm. Sie erzählt, daß sie 1989 mit ihren Eltern über Ungarn geflüchtet ist. Aus Görlitz. Da kommt doch der Ballack her? Genau. Du langweilst dich? fragt Sabine. Nö – ich hab bloß keine Ahnung, worüber die reden. Sabine gluckst und blinzelt ihm zu.

Das Dessert. Ein Obstsalat. Alles Bio. Super. Lecker. Die anderen scheinen entzückt. Gunnar schaufelt mutig das Zeug in sich hinein. Sabine beobachtet ihn heimlich und zwinkert.

Gunnar wünscht sich in seine Stammkneipe. Denn jetzt kommt die Spielerunde. Monopoly, Cluedo, Siedler von Catan. Er kennt Dame, Mühle, MauMau und Skat. Oder Mensch-ärgere-dich-nicht.

Auch Sabine hat Schwierigkeiten. aber sie macht tapfer mit. Gunnar schaut auf die Uhr und geht erstmal rauchen. Als er zurück kommt, hat Maximilian einen Zettel an der Stirn, darauf steht: Hornochse. Alle sehen es und Maximilian muß den Begriff erraten.

Gunnar ist es jetzt zuviel. Er sagt, daß es spät sei. Er steht auf. Auch Sabine steht auf. Sie gähnt und murmelt etwas. Zusammen verlassen sie die schicke Wohnung. Kommst du mit auf eine Boulette und ein Bier in den Anker? Klar, sagt Sabine.

Sie sitzen und essen und trinken und lachen bis morgens um 6.00 Uhr. Draußen ist es noch dunkel. Sabines Wohnung ist gemütlich. Ihr Bett ist groß. Als es hell wird, schlafen sie beide ein.

Weihnachten kann kommen. Frohe Weihnacht! murmelt Gunnar.

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