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Sabine liegt im Bett und starrt an die Decke. Es ist Samstag, der 8.März. Frauentag. Ihre Tochter Katrin kommt in ein paar Stunden aus München.

Der erste Besuch seit fast einem Jahr. Katrin hat viel zu tun. Sie ist jetzt 30. Sabine ist 50.

Sie weiß noch genau, wie das damals war. Im Januar 1984. Die Geburt ging schnell, die Tochter brüllte fröhlich und war puterrot im Gesicht. Ihr Vater wohnte noch bis 1989 bei ihnen.

Dann flüchtete er über Ungarn in den Westen. Seitdem hat sie nichts mehr von ihm gehört. Er zahlte auch keinen Unterhalt. Es waren harte Zeiten von 1989 bis 2004. Da endlich hatte ihre Tochter diesen Job in München bekommen.

Seitdem wohnt Sabine allein. Sie geht öfter mit einer Freundin in Bars, aber dort triffft sie keine interessanten Männer. Sie ist auch bei einem Internetportal für Singles angemeldet.

Nur Reinfälle.

Sabine glaubt nicht mehr an die große Liebe. Mittlerweile ist sie gern allein. Das war früher einmal anders.  Aber da ging es noch nicht ums Geld. Da war die Karriere nicht wichtig. Man unterhielt sich über Bücher, Kunst, Kultur. Heute ist das nicht mehr so.

Sabine steht auf und nimmt ihre morgendliche Dusche. Der Spiegel beschlägt. Das ist gut so. Denn sie ist mit ihrem Aussehen nicht zufrieden. Die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen. Und Männer schauen nur auf die Oberfläche. Die wollen nur noch junge und schöne Frauen.

Einmal hat sie einen getroffen, der anders war. Jürgen. Die Beziehung dauerte 3 Monate. Dann waren die Schmetterlinge weg. Aber bis dahin war es schön.

Sie zieht sich an und geht in die Küche. Filterkaffe, Toast, ein Ei. Dann die Morgenzigarette. Sie hat schon dreimal mit dem Rauchen aufgehört. Einmal zu wenig.

Ihr Job als Controllerin ist ganz okay. Sie verdient genug, um ordentlich zu sparen. Sie hat ein kleines Auto und eine hübsche Wohnung. Aber sonst?

Sabine schüttelt sich. Lieber nicht nachdenken. Das bringt nichts. Sie wird jetzt die Wohnung auf Vordermann bringen und dann das Mittagessen vorbereiten. Rinderroulade in Rotweinsoße. Das Lieblingsessen ihrer Tochter. Schon immer.

Ihre Tochter kann nicht kochen. Sie hat sich nie dafür interessiert. Aber das ist wohl normal in dieser Zeit. Fast Food, Junk Food, Mikrowelle. Diese Generation lebt anders als ihre.

Sie stellt ihre Stereoanlage auf volle Lautstärke. Power of Love. Sie muß sofort an 1980-1984 denken. Da war alles unkompliziert. Sie fühlte sich frei. Im Sommer ging es mit dem Rucksack per Anhalter zum Balaton. Budapest, Szeged.

Abends auf dem Zeltplatz wurde getrunken und gesungen, bis es hell wurde. Und sehr oft lag sie dann mit einem Jungen im Zelt. Man trennte sich morgens und tauschte die Adressen  aus.

Manchmal traf man sich dann später in Berlin und feierte und unterhielt sich. Das war perfekt.

Sabine seufzt leise. Ihr Kater Murr steht vor dem Kühlschrank und miaut herzerweichend. Der will ein Stück Salami. Er bekommt es und zieht schnurrend ins Wohnzimmer. Kerle! denkt Sabine und muß lachen.

Eigentlich ist ihr Leben doch schön. Aber trotzdem fehlt irgendetwas. Sie probiert die Soße. Perfekt. Noch eine Stunde. Dann ist ihre Tochter da. Sabine freut sich. Denn abends wird sie mit ihr um die Häuser ziehen.

Es hat auch Vorteile, wenn man eine erwachsene Tochter hat. Sie werden richtig abfeiern und sich über alle Kerle lustig machen. Vielleicht ist ja auch ein brauchbarer dabei. Auf jeden Fall wird sie sich rausputzen und aufdonnern. Ihre Tochter paßt da auf und hat gute Tips.

Es klingelt. Katrin ist da – mit einem Blumenstrauß. Herzlichen Glückwunsch Mama!

Sie umarmen sich. Sabine wischt heimlich ein paar Tränen weg.

Ich gratuliere allen Frauen zum Ehrentag!

(Ohne Frauen würden wir noch heute in Höhlen hausen.)