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Immanuel und Anna haben geheiratet. Anna hat außerdem die russische Staatsbürgerschaft. Immanuel wird sie in zwei Monaten erhalten. Wir schreiben das Jahr 2035.

Was ist inzwischen passiert? Immanuel hat sein Studium geschmissen. Er hat angefangen Geschichten zu schreiben. Zuerst ganz kurze. Einige davon wurden auch gedruckt. Dann wurden sie länger. Und besser.

Mittlerweile schreibt er an seinem ersten Buch. Anna gibt immer noch Konzerte. Aber sie haben sich bereits für die Mondstadt beworben. Und es sieht gut aus. Eventuell dürfen sie schon in 4 Monaten abreisen. Beide sind aufgeregt. Sie schmieden Pläne und wollen nur noch weg.

Denn in den letzten drei Jahren ist es noch schlimmer geworden in Europa. Faschistische Regierungen sind normal. Minderheiten und Ausländer werden gnadenlos diskriminiert und verprügelt. Es herrscht Gewalt auf den Straßen.

All das gab es schon einmal vor 100 Jahren. Immanuel weiß das. Er zählt die Tage. Denn es wird immer gefährlicher. Er ist Halbjude. Und seine Frau Anna Halbrussin. Das reicht für die Genossen der DEP, um sie ins Gefängnis zu bringen. Schutzhaft wird das genannt.

Chung ist längst auf dem Weg zum Saturn. Mit ihr fliegen 8.000 Mondbewohner. Sie werden nie zurückkehren. Deshalb gibt es so gute Chancen für Immanuel und Anna, schnell in die Mondstadt zu kommen.

Sikh ist vor 3 Monaten auf die Erde zurückgekehrt. Aber schon 5 Wochen später wurde er ermordet. Er traf die falsche Entscheidung. Chung hatte nächtelang mit ihm diskutiert – ohne Erfolg. Sikh ist tot. Chung weiß das aber nicht. Sie wird es auch nie erfahren.

Annas Mutter hat sich selbst ruiniert. Durch Alkohol. Sie starb vor 10 Monaten. Das Begräbnis war still und kaum besucht. Die Urne mit der Asche steht im Wohnzimmer. Anna will sie mitnehmen.

Die DEP regiert nicht, sie diktiert. Die fünf Jahre Erholung unter Gysi sind längst vergessen. Die Slums wachsen täglich. Die Obdachlosigkeit ist so normal, wie eine Seifenoper im Fernsehen.

Die Menschen sind abgestumpft. Alle haben Angst. Bis auf die, die nichts zu verlieren haben – die Toten.

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