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Udo stand vor dem Fernsehturm und wirkte irgendwie verloren. Dieses große Ding da hatte er gebaut. Mitte der Sechziger kam er als Betonfacharbeiter aus Bitterfeld nach Berlin. Spezialisiert auf Industrieschornsteinbau.

Durch einen Zufall landete er dann bei einer Brigade, die am Fernsehturm mitbaute. Damals war er 21. Jetzt aber kurz vor dem 70. Geburtstag.

Am 3. Oktober 1969 war die Eröffnung. Niemand von den Bauarbeitern wurde eingeladen. Aber sie hatten trotzdem gefeiert. Im Rathauskeller soffen sie alle Wodkavorräte aus.

Udo dachte zurück. Was danach kam. In den Siebzigern zog er von einer Baustelle zur nächsten. Quer durch die Republik. Das Geld stimmte und er kaufte sich einen gebrauchten Wartburg Tourist. Mit dem ging es im Sommer an den Balaton. Mit seiner Frau. Später dann mit den Kindern.

In den Achtzigern war er 2 Jahre an der BAM. Mitten in Sibirien. Aber das Geld stimmte. Und auch die Arbeit dort. Es war knochenhart – aber abends wurde immer gefeiert. Udo vermißt noch heute diese Atmosphäre am Lagerfeuer – den Wodka mit Speck, die russischen Gesänge.

1989 war dann plötzlich alles vorbei. Kurz nach seinem 45. Geburtstag machte sein VEB dicht. Udo stand plötzlich vor dem Nichts.

Das Haus in Bitterfeld war lange abbezahlt. Die Kinder waren fast erwachsen. Seine Frau bekam eine Stelle als Sachbearbeiterin im Arbeitsamt. Das war die Zukunft. Denn die Schlange vor dem Amt in Bitterfeld wurde immer größer.

Udo fand eine Firma in Österreich, die ihn anstellte und gut bezahlte. Jetzt zog er als Meister durch das Alpenland. Kam nur alle zwei Wochen nach Bitterfeld.

Seine Frau wurde ihm fremd. Sie hatten sich nichts mehr zu sagen. Udo begann irgendwann, etwas zu viel und regelmäßig Alkohol zu trinken.

Er verlor den Job, er verlor seine Frau. Das war 1995.

Darauf folgten schlimme Jahre. Ohne Job in seiner Einzimmerwohnung in Leipzig. 2002 – da war er dann schon 58 – durfte er nochmal für 28 Monate auf den Bau. Als Bürohengst. Er war für alle Bestellungen zuständig. Auch diese Firma ging in den Konkurs. 2005 ging er in den Vorruhestand. Mit vielen Abzügen. Die Rente reichte zum Überleben – aber mehr war nicht drin.

Jetzt also stand er vor dem Fernsehturm und wartete auf Paul. Der war damals sein bester Mann in der Brigade. Ein ehrlicher und einfacher Arbeiter aus Köpenick.

Paul hatte ihn am 20. September angerufen und gefragt, ob er mit ihm am 3. Oktober feiert. -Was denn feiern? -Na den 45sten.- Häh? -Vom Fernsehturm.

Udo tat jetzt schon der Hals weh, weil er seit 20 Minuten auf die Kugel dort oben starrte. Wo blieb bloß dieser Paul?

Paul beobachtete schon seit 5 Minuten diesen Kerl, der eine unnatürliche Kopfhaltung hatte. Ja das war doch Udo.

Udo und Paul begrüßten sich wie damals. Aber mit weniger Kraft. Dann fuhren sie nach oben.

Vor ihnen strahlte das Brandenburger Tor. Is dit häßlich, sagte Paul. Prost, murmelte Udo.