Schlagwörter

, , , , , , ,

klostKurt Schröder saß in seinem Auto und fuhr geradewegs nach Bayern. Im Oktober hatte er eine Anzeige gelesen – über ein beschauliches Silvester im Kloster. Warum nicht? Ruhe konnte er gebrauchen.

Kurt wohnte seit seiner Geburt in Zwickau. Dort war er vor 53 Jahren zur Welt gekommen, dort wollte er auch begraben werden. Das würde auch funktionieren, denn seit 1990 hatte er einen gutbezahlten Sessel im Bauamt. Dort langweilte er sich zwar gewaltig und wurde immer fetter, aber die Stelle war sicher.

Sein Haus war abbezahlt, die Kinder erwachsen und die Frau vor 2 Jahren ausgezogen.

Ursprünglich wollte Kurt Silvester irgendwo auf den Kanaren sein – aber dann schreckte ihn doch der Streß beim Fliegen ab.

Nun also fuhr er vors klösterliche Tor und klingelte. Eine Ordensschwester öffnete und konfiszierte sofort seinen Gutschein: Drei Nächte mit Vollpension. Das Zimmer war karg; ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Schrank und ein Kreuz an der Wand.

Das Eßzimmer war schon gut gefüllt, als Kurt dazustieß. Alle saßen im Kreis und sollten sich kurz vorstellen. Von den 18 Gästen hatten 17 einen Bindestrich-Namen. Kurt hieß einfach nur Schröder.

Die Bindestrich-Gesllschaft sah ihn etwas herablassend an. Eine Dame namens Kopf-Obermeier fragte ihn, woher er denn kommen würde. -Aha, aus Zwickau. Ist das nicht im Osten? Bevor Kurt antworten konnte, sprach schon ein Herr Kranzwiesel-Leutheuser. -Da wurden doch die Trabis gebaut? -Ja.

Gottseidank wurde das Essen aufgetragen. Irgendwelches Grünzeug mit Haferbroten und Quellwasser. Alles BIO. Kurt knurrte der Magen. Das Menü hatte er sich anders vorgestellt. Doch es kam nichts mehr.

Gemeinschaftliches Singen und Beten war der nächste Programmpunkt. Dann um Mitternacht noch ein kleiner Imbiß. Kurt verzichtete auf das Singen und ging auf sein Zimmer.

Er bereute schon, daß er nicht weggeflogen war. Die ganze Atmosphäre mit diesen Leuten und ihrem Tanz-und-Hüpf-Abitur war ihm zuwider. Kurt beschloß ein wenig zu schlafen. Vielleicht würde es ihm gelingen, von einem Eisbein und einem gekühlten Altenburger zu träumen. Danach ein Nordhäuser Doppelkorn.

Kurt schlief ein und begann zu schnarchen. Er träumte aber nicht vom Esssen und Trinken, sondern von seiner Ex-Frau.

Schweißgebadet wachte er gegen 1 Uhr auf. Er hatte den Mitternachtsimbiß verpaßt. Und der Hunger war gewaltig. Hier war nirgends ein Kanten Brot. Nichts. Nur ein Krug mit Wasser.

Kurt beschloß abzuhauen. Im Schutze der Dunkelheit pirschte er sich ans klösterliche Tor. Verschlossen. Was nun? Die Mauern waren bestimmt drei Meter hoch.

Er nutzte ein paar herausragende Steinkanten und erklomm mühsam die Mauer. Die Reisetasche purzelte schon friedlich auf die andere Seite. Kurt hinterher. Hose aufgerissen und verdreckt. Ein paar Schrammen. Sonst war er unversehrt.

Jetzt noch 4 Stunden Autofahrt, dann wäre er gegen 6 Uhr zu Hause. Plötzlich klopfte jemand an die Beifahrertür. -Kann ich mitkommen? Ich habe gesehen, wie sie getürmt sind. Ich will auch weg. -Sind sie nicht Frau…äh.. -Silke Müller-Schmidt aus Gera. -Warum dieser Doppelname? -Ich war mal mit einem von Drüben verheiratet.

Kurt schnaufte durch. -Kommen Sie rein.

Die Rückfahrt war so lustig, daß Kurt die Dame bis nach Gera fuhr. Dort angekommen, ging Silke sofort in die Küche und begann das Eisbein gar zu kochen.

Kurt saß derweil mit einem Bier am Küchentisch und strahlte vor sich hin.

———————————————————————————————————————

Allen Lesern ein FROHES NEUES JAHR!

Advertisements