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lottoEine Frau in den 50ern läuft durch ihre Wohnung. Zwei Zimmer, Küche und Bad. Warmmiete 502 Euro.

Nennen wir sie Renate.

Renate kam 1990 nach Bochum. Kurz nachdem ihr VEB abgewickelt wurde. Sie wollte nur arbeiten, egal wo.

In Bochum wohnte sie die ersten 8 Jahre in einer Wohnung, die stolze 23 qm hatte. Das war kein Leben. Dann noch dieser Job als Kassiererin in einem Markt für Hundefutter. Renate haßt Hunde. Seit ihrer Kindheit.

Morgen ist Frauentag. Den hat sie immer ausgiebig gefeiert. Damals hatte sie eine Planstelle als Abteilungsleiterin in einem Textilwerk. Da wurde nicht nach Geschlecht bezahlt.

Renate hatte nie Kinder. In der DDR wollte sie nicht, in der BRD konnte sie nicht. In 6 Jahren könnte sie die Rente mit 63 in Anspruch nehmen. Sie hat schon gerechnet:

Bei 500 Euro Miete bleiben ihr 389 Euro für den Rest. Sie möchte gerne zurück in ihre Heimat. Aber selbst dort sind die Mieten so hoch wie in Bochum.

Renate hat irgendwann begonnen, Lotto zu spielen. Jeden Monat gibt sie dafür 60 Euro aus. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und das Geld sofort.

Die 25 Jahre in Bochum haben sie irgendwie kleiner gemacht. Innerlich. Sie hat hier keine richtigen Freunde gefunden. Und die Kontakte in den Osten rissen ab. Zwangsläufig. Plötzlich saß sie abends allein am Küchentisch und führte Selbstgespräche.

Nur mit Sabine konnte sie sporadisch telefonieren. Oder sich manchmal treffen. Sabine lebt in Köln. Sie ist verheiratet. Ihren Mann sieht sie nur am Wochenende.

Renate schaltet den Fernseher ein. Die Ziehung der Lottozahlen aus Frankfurt. Eine aufgeregte Blondine betet die Gewinnzahlen runter.

20, 21, 22, 46, 48, 49.

Renate starrt fassungslos auf ihren Lottoschein. Ihr zweiter Tip paßt genau.

Eine Stunde später. Renate war beim Aldi und hat zwei Flaschen Sekt gekauft. Die liegen jetzt im Eisfach. Renate überlegt, wieviel dieser Sechser bringen könnte. Vielleicht eine kleine Eigentumswohnung in der Heimat. Endlich weg hier. Für immer.

Die erste Flasche schmeckt richtig gut. Nach einer halben Stunde ist sie leer. Die zweite schmeckt nicht mehr.

Renate trinkt nur ein Glas und brüht sich dann einen starken Kaffee. Der ist besser als dieser Alkohol.

Sie sitzt mit ihrem Laptop in der Küche und schaut sich das Angebot für Eigentumswohnungen an. Es könnte funktionieren. Selbst die niedrigste Quote für den Sechser reicht aus.

Renate geht zufrieden ins Bett. Sie kann jetzt schlafen. Der Frauentag wird ausgiebig gefeiert. Sie weiß noch nicht wo – aber selbst das ist unwichtig.

 

Ich gratuliere allen Frauen zum Ehrentag und hoffe, daß ihr mir treu bleibt. Zumindest beim Lesen.  😉

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