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mainelkeManfred war vor 3 Monaten nach Herne gezogen. Das Arbeitsamt ließ ihm keine Wahl. Also verließ er Oberwiesenthal schweren Herzens. Dort hatte er sein ganzes Leben verbracht.

Jetzt also Herne. Mitten im Nirgendwo. Öde Landschaften und verfallene Städte. Seine Qualifikation im technischen Bereich hatte ihm dieses Nest beschert. Manfred fluchte jeden Morgen, sobald er aus dem Fenster sah.

Nun gut, heute war Sonntag und zudem 1. Mai. Manfred beschloß ins Zentrum zu wandern.

Dort hingen überall SPD-Fahnen und Luftballons rum. An einigen Ständen ging es hoch her – Bier und Schnaps flossen in Massen. Auf der Bühne tanzten ein paar Kinder irgendetwas zu schrecklicher Musik.

Manfred steuerte den Bierwagen an und orderte ein Plastebecher Bier für 4, 50 Euro. Die Brühe schmeckte wäßrig – also so, wie sie aussah. Noch einen Korn dazu.

Sein rechter Nachbar war wohl ein SPD-Obermotz, denn nach 2 Minuten quatschte der ihn schon voll. Große Traditionen der Arbeiterpartei und solch ein Müll. Manfred mußte sich zusammenreißen, um diesem Idioten nicht aufs Maul zu hauen.

Denn daß er hier war, hatte er der SPD zu verdanken. Nach seiner Arbeitslosigkeit kam Hartz IV. Seine Ersparnisse und die Erbschaft wurden geplündert. Und dann dieses Arschloch neben ihm. Manfred bestellte seine dritte Runde und tat so, als wäre er taub.

Dann suchte er sich einen Platz an den langen Holzbänken. Dort war es gemütlicher, denn sofort hörte er das heimische Sächsisch. Zwei Männer und zwei Frauen in seinem Alter unterhielten sich wehmütig über Damals. Sie sprachen über den Sommer 1989 und die Zeit in der Prager Botschaft.

Manfred hörte nur zu und dachte sich seinen Teil. Denn glücklich sahen die vier nicht gerade aus. Niemand hier sah überhaupt so aus, als würde er noch etwas vom Leben erwarten. Müde und verzeifelte Gesichter, die vom Alkohol verzerrt waren.

Hier würde er nicht sterben wollen. Nur noch die paar Jahre bis zur Rente überstehen und sofort zurück ins Erzgebirge. Aber bis dahin waren es noch einsame 9 Jahre.

Und er durfte auch nicht krank werden oder diesen Job verlieren. Dann würde er ewig hier festsitzen. Manfred schüttelte sich und holte sich noch eine Runde.

Drei Stunden später lag er angetrunken in seinem Bett und träumte sich ins Jahr 2024. Der zweite Beginn seines Lebens ließ ihn ruhig einschlafen.

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