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Uwe war 1990 von Ostberlin nach Australien ausgewandert. Seitdem war er nie wieder in Berlin. Er heiratete ein Farmerstochter und wurde Chef von 3000 Rindern. Das Leben im Outback gefiel ihm.

Nun steht er wieder auf dem Alexanderplatz und wartet auf Thomas. Mit ihm arbeitete er nach dem Studium in Ostberlin zusammen – bis die Mauer fiel. Thomas blieb und schlug sich irgendwie durch.

Der Platz hatte sich verändert. Überall Bettler, Penner, Besoffene und Fixer. Ein paar Dunkelhäutige hatten versucht sein Geld zu klauen. Zu dritt. Aber einem Farmer nimmt niemand etwas weg. Ein paar Faustschläge und die Fachkräfte suchten das Weite.

Kurz danach belästigte ihn eine Bettlerin mit zwei in Lumpen gewickelten Kleinkindern. Dann kam einer, der ihm eine Obdachlosenzeitung andrehen wollte.

Uwe schüttelte den Kopf. Was war hier los. Damals war das ein sauberer und sicherer Platz, auf dem man Bummeln konnte. Jedes Wochenende waren sie dort in der Disko – da stand jetzt ein häßlicher Kinowürfel. Die Disko damals war legendär – da bekam man noch morgens um 3 Uhr ein vernünftiges Steak au Four.

Das alles war so weit weg, daß ihm schon schwindlig wurde. Was wollte er hier? Mit Thomas über die alten Zeiten reden. Gut. Im Restaurant des Fernsehturms sitzen und den Ausblick genießen. Radeberger trinken.

Thomas kam und winkte schon. Er hatte einen Tisch reserviert. Nach einigen Minuten saßen sie und blickten durch saubere Fensterscheiben auf Berlin hinab.

Der Palast der Republik war weg, das Palasthotel auch. Und das Marx-Engels-Forum. Alles weg. Aber der Fernsehturm stand noch.

Thomas erzählte ihm im Schnelldurchlauf die Veränderungen des letztes Jahres. Von der Fachkräfteschwemme, Terroranschlägen und ausufernder Kriminalität. Von der Wohnungsnot und den Arbeitslosen. Von Obdachlosen. Von dealenden und pädophilen Abgeordneten.

Uwe wollte das alles nicht hören. Irgendwie war er nicht hier. Lächelnd ließ er die Erzählung an sich vorbeiziehen. Trank kräftig Bier und nickte manchmal.

Wenn er damals das Visum für Rußland bekommen hätte, wäre er heute in Sibirien. Aber er wollte weg. Und das war eine gute Entscheidung.

Komm Thomas, laß uns ein bißchen laufen, sagte er. Ich will irgendwo Berliner Leber essen, irgendeine gemütliche Eckkneipe.

Thomas guckte ihn an. In Ordnung, ich kenne eine. Laß uns zum Schusterjungen laufen.

Den gibt es noch?

Ja. Ein paar Sachen sind geblieben.

Gemütlich schlenderten sie zur Alten Schönhauser, dann die Schönhauser lang bis zur Danziger und dort rechts.

Hier in der Eckkneipe war alles wie immer. Uwe begann sich wohl zu fühlen.

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