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Erna wohnte schon ihr ganzes Leben an der Ostsee. In den 70ern hatten sie sich ein Grundstück mit Haus gekauft – für 12.000 Mark. Sie bauten fleißig an und um – denn die drei Kinder brauchten Platz.

Emil – ihr 2004 verstorbener Mann – hatte goldene Hände und auch Quellen für Baumaterial.

Nun waren die Kinder längst aus dem Haus, die Jüngste – Kerstin – wohnte jetzt seit 4 Jahren an der Nordsee. Irgendein Ort mit C. Erna war nie gereist. Ihr genügte die Ostsee. Die langen Strände, die sie abging und manchmal Bernstein fand. Nun aber sollte sie ihre Tochter besuchen.

Erna hatte Reisefieber. Denn die letzte Zugfahrt lag auch schon 30 Jahre zurück. Damals war sie mit ihrer Brigade nach Warnemünde gefahren; eine Auszeichnung zum Frauentag. Es ging hoch her im Hotel Neptun. Erna wischte sich verstohlen eine Träne aus den Augen. Da war Emil noch dabei und sie feierten am Strand, bis die Sonne aufging.

Nun also saß sie im Zug und staunte über den teuren Fahrschein. Und die merkwürdige Landschaft da draußen. Überall diese häßlichen Windräder.

In Hamburg stieg sie in einen Zug nach Cuxhaven. Man würde sie vom Bahnhof abholen. So war es auch. Kerstin wartete und begrüßte sie ausgiebig.

Dann ging es in schneller Fahrt zum neuen Häusschen. Ihr Schwiegersohn war irgendwas Hohes bei der Bundeswehr und verdiente anscheinend ganz gut. Kerstin arbeitete halbtags als Krankenschwester.

Erna bezog das Gästezimmer und ruhte sich aus. Abends wollten sie zum Stadtfest und am nächsten Tag den Strand erkunden.

Als Erna die Nordsee sah, dachte sie: Das ist aber eine billige Kopie der Ostsee. Aber sie sagte nichts. Sie registrierte den Zaun vor dem Strand. Ein Spaziergang hier würde also Geld kosten. Erna schüttelte mit dem Kopf. Da wollte sie nicht rein. Ein Strand muß offen sein.

Also ging es zurück zum Hafen. Dort sollte man zumindest Fisch essen können. Das klappte auch. Nachmittags lag Erna in ihrem Zimmer und wünschte sich nach Hause. Irgendwie gefiel es ihr hier nicht. Es war alles so künstlich. So unpersönlich. Auch wenn ihre Tochter sich Mühe gab. Es blieb alles fremd.

Und worüber sollten sie sich unterhalten? Die Ehe war kinderlos und es passierte auch nichts in dieser sterilen Umgebung.

Erna würde pünktlich zum Frauentag wieder zu Hause sein. Ihre Tochter schimpfte auf diesen blödsinnigen Tag. Sie hatte auch nur die ersten fünf Lebensjahre in der DDR verbracht und daher kein Verständnis, daß ihre Mutter deshalb nicht länger bleiben wollte.

Zurück im Heimatdorf ging Erna festlich gekleidet zu Hinrichs. In der Dorfkneipe trafen sich alle Frauen seit über 20 Jahren, um kräftig zu feiern.

Ab Mitternacht hatten dann auch die Herren Eintritt. Das Tanzbein juckte.

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