Schlagwörter

, , , , , , , , ,

Wilhelm schaute auf das Stettiner Haff. Von der Bank vor dem Elternhaus hatte er einen prächtigen Blick. Aber seine Gedanken verweilten in der Kindheit.

Als er 1939 geboren wurde, überfielen die Faschisten Polen. Er war gerade 5 Tage auf der Welt und bekam das nicht mit. Seine Eltern wohnten östlich von Stolpmünde, direkt an der Ostsee. Er wuchs dort auf mit Kindern von Kaschuben und Polen. Also erlernte er spielerisch auch diese beiden Sprachen. Sie tobten am Strand und sammelten Bernstein.

Vor dem Ende des Krieges flohen sie mit dem großen Treck Richtung Westen. Wilhelm saß im Bollerwagen, den sein Vater zog. Sie landeten irgendwann auf Usedom. Die Haffseite war dann ihr Zuhause. Das falsche Meer – so nannte sein Vater das Stettiner Haff.

Wilhelm studierte in den 60ern Literatur und Deutsche Sprache in Berlin. Ende der 60er bekam er eine Professur an der Humboldt-Uni. In den 70ern starben seine Eltern. Er benutzte das Elternhaus als Feriendomizil und richtete sich eine umfangreiche Bibliothek ein. Über 5000 Bücher hatten sich angesammelt.

1989 erlebte Wilhelm den Ausverkauf der DDR und seine Frau starb im Dezember. Sein Sohn ging 1991 nach Neuseeland und kehrte nie zurück. Die Tochter wohnte seit 1998 in München. Auch sie kam selten zu Besuch.

Wilhelm war nach seiner Pensionierung in sein Ferienhaus übergesiedelt. Berlin war ihm zu laut und zu dreckig geworden. Hier aber saß er oft auf der Bank und schaute aufs Wasser. Oder er streifte durch die Wälder. Und dann die langen Spaziergänge am Strand. Er fühlte sich nicht einsam oder unglücklich.

Wenn es ihm möglich war, fuhr er ins nahe Swinemünde um die vertrauten polnischen Laute zu hören. Außerdem gefielen ihm die bunten Märkte. Er setzte sich gern an einen Stand mit Wurst- und Bierausschank und sah dem Treiben zu.

Nun lebte er also in seinem dritten Staat – nach Hitler und Honecker wollte er nicht auch noch die Merkel überleben. Ein Österreicher, ein Saarländer und eine Hamburgerin hatten sein Leben bestimmt. Noch einen wollte er nicht mehr.

Irgendwie sah das Haff heute richtig grau aus. Na ja, mit 78 Jahren könnte er sich ehrenvoll verabschieden. Ein langes Leben macht müde. Lebensmüde.

Zeit, sich um das Mittagessen zu kümmern. Er hatte morgens einen frischen Zander bei den Fischern gekauft. Der mußte jetzt in den Backofen.

Wilhelm erhob sich und schlurfte in die Küche.