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Elisa stand nun schon über zwei Stunden und wartete auf ihre Nummer für den Besuch der Tafel. Es regnete und war arschkalt.

Aber das war egal. Sie brauchte diese Lebensmittel. Außerdem wollte sie abends mit ihren Freundinnen kochen und ein paar Flaschen Wein leeren. Ihr Budget war ausgeschöpft. Ständig kamen Ausgaben dazu, die nicht eingeplant waren.

Jetzt – mit 57 Jahren – begriff sie endgültig, was sie vor 28 Jahren verloren hatte.

Nun kam sie sie schon seit über vier Jahren zu dieser Tafel in der Danziger Str. in Ostberlin. Die meisten kannten sich und plauderten gemütlich. Elisa hielt sich zurück.

Frauentag. Was gab es damals für Feiern! Damals betraf immer die Zeit vor der Inbesitznahme durch die BRD.

Elisa hatte in den 80ern ihr Studium abgeschlossen und einen Arbeitsplatz aussuchen dürfen, der ihr richtig gefiel. Aber dann war plötzlich alles vorbei. Die Pfaffen vergifteten ihr Land und bewirkten einen Umsturz.

In den 90ern fand sie noch Jobs – aber plötzlich war sie 50. Viel zu alt für den Sklavenmarkt.

Die ersten Jahre mit Hartz IV schämte sie sich. Freundschaften lösten sich, Bekannte wurden plötzlich unbekannt.

Ihr innerer Antrieb waren nur noch Haß und Unverständnis. Warum war sie mit 50 weniger Wert, als all diese dummen Schnicksen, die nicht mal Deutsch konnten? Über keine Erfahrung verfügten und auf ihren Stöckelschuhen rumscharwenzelten?

Elisa unterdrückte alle Gedanken und wartete auf ihre Nummer. So – vorbei. Sie hatte die 65 bekommen. Das bedeutete – es gab nur noch Reste.

Eine Stunde später stieg Elisa in die Straßenbahn. Trotz allem freute sie sich auf den Abend. Es waren noch zwei Freundinnen geblieben – die würden nachher kommen und alles war gut. Zumindest am Frauentag.

Elke und Anita schleppten einen Karton Wein in die Wohnung. Elisa hatte schon den Tisch gedeckt und das Essen war fast fertig.

Und nach einem Glas Wein begann es richtig gut zu werden. Fast jeder Satz begann mit: Weißt du noch?

Um 3.00 Uhr schwankte Elisa in ihr Bett. Frauentag – der wichtigste Tag in ihrem Leben. Elisa träumte gut.


Ich wünsche allen Frauen einen schönen Feiertag!