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Am nächsten Tag kam sein ältester Sohn zu Besuch. Der war jetzt 60 und hatte noch ein paar Jahre bis zur Rente. Krüger war 1992 in den Ruhestand gegangen. Er hatte nicht viel vom Arbeitsleben in der BRD mitbekommen.

  • Tag Vater – was machst du für merkwürdige Sachen?
  • Ich? War nur demonstrieren. Ist mein gutes Recht. Oder?
  • Sicher. Aber das ist gefährlich.
  • Gefährlich? Warst du nicht ’89 auf der Straße?
  • Das war was anderes. Da war alles friedlich.
  • So so … In einer Diktatur war es friedlich und in einer Demokratie ist es gefährlich. Hört sich total verrückt an.
  • Ja.
  • Was willst du hier? Mich zum Kapitalismus bekehren?

Krügers ältester Sohn war Journalist bei einer großen Tageszeitung. Man könnte auch sagen, daß er Propagandist war. Krüger las nie einen Artikel von ihm.

  • Vater, deine Urenkel fragen nach dir. Sie lieben dich.
  • Ja. Das ist normal. Aber ich sorge mich um die Zukunft meiner Enkel und Urenkel. Du wohl eher nicht.
  • Doch. Aber dazu muß ich nicht auf eine Demo gehen. Bringt gar nichts.
  • Und was bringt was? Deine Artikel in der Zeitung?
  • Nein. Ich muß Geld verdienen. Deshalb schreibe ich für die Zeitung.
  • Was hier in diesem Land passiert ist dir also egal?
  • Ziemlich.
  • Dann geh nach Hause und laß mich in Ruhe. Schick meine Urenkel her – dann habe ich wenigstens Freude. Du hast keinen Arsch in der Hose. Als deine Mutter noch lebte …
  • Ist gut Vater. Ich gehe.

Der Sohn verschwand und Krüger zappte durch die Fernsehprogramme. Er fand keinen Nachrichtenkanal. Also las er alles, was im Videotext stand.

Am nächsten Tag sollte er entlassen werden. Seine Gehirnerschütterung zeigte keine Folgen. So sagte es der Oberarzt.