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Luise war früh aufgestanden. Heute am Karfreitag. Sie putzte die Fenster und war tief in Gedanken versunken. Sie wußte nicht mehr, wie es jetzt weitergehen würde. Sie hatte die Kündigung für ihre Wohnung erhalten. Der Vermieter klagte auf Eigenbedarf und bekam sein Recht.

Was blieb jetzt noch? Eine andere Wohnung war nicht in Sicht. Der Markt gab das nicht her. Es gab keinen Wohnungsmarkt mehr. Nur noch exorbitante Mieten.

Sollte sie jetzt zu Udo ziehen? Udo war nett und zuvorkommend. Aber er kam immer zu früh.

Luise seufzte und putzte das letzte Fenster. Es war alles alternativlos. Sie hatte sich ihr Leben anders vorgestellt. Aber seit 1989 lief alles aus dem Ruder.

Ihre Eltern starben kurz nach der „Wende“. Ihr Bruder starb 1996 bei einem Motorradunfall. Seitdem war niemand mehr da, der sie festhalten konnte. Es zog sie hinab.

Udo. Der war vielleicht ein Rettungsanker. Aber dafür müßte sie sich völlig aufgeben. Luise war mit den Fenstern fertig. Und nun?

Sie machte sich einen Kaffee und saß einsam in der Küche. Die Uhr tickte erbarmungslos und zählte die Sekunden runter. Noch zwei Monate – dann war das hier alles vorbei.

Es klingelte an der Haustür. Draußen stand der Osterhase.

  • Luise – ich bin der Osterhase. Ich bringe ein Geschenk für dich.
  • Es gibt keinen Osterhasen.
  • Darf ich reinkommen?

Luise ließ den Osterhasen rein. Der setzte sich in die Küche.

  • Bekomme ich auch einen Kaffee?
  • Natürlich.
  • Früher glaubte ich auch nicht an Osterhasen. So wie du. Aber nach meinem Tod wurde ich wiedergeboren. Als Osterhase. Der Kaffee ist übrigens köstlich.
  • Freut mich. Wer warst du in deinem ersten Leben?
  • Ich war Jesus.
  • Ach so.
  • Man hatte mich ans Kreuz genagelt. Das tat ziemlich weh.
  • Aber du bist doch auferstanden? Am Sonntag?
  • Ja. Aber mein Leben war trotzdem endlich.
  • Hmmh. Warum bist du jetzt ein Osterhase?
  • Weil Gott es wollte. Ich soll die Menschen beschenken und glücklich machen.
  • Und was hast du für mich mitgebracht?
  • Ein kleines Haus, in dem du wohnen kannst. Hier ist der Grundbucheintrag.
  • Aber wieso? Woher…?
  • Sieh es als ein Geschenk Gottes an.

Luise weinte und der Osterhase streichelte sanft ihre Schulter.

  • Ist das wirklich wahr?
  • So wahr, wie ich der Osterhase bin. Wir haben dein Schicksal verfolgt und uns dann entschlossen, dir zu helfen. Gott und ich. Du gehst zwar nicht in die Kirche – aber wir sind da großzügig. Uns stört menschliches Leid.

Vier Wochen später zog Luise in ihr neues Haus. Und wurde dann eine eifrige Kirchgängerin.