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Unsere Feldlager fanden fast nur im grausigen November statt. Kalt und viel Regen. Manchmal schon Frost. Die Mannschaftszelte wurden nicht beheizt. Es war an der Grenze des Erträglichen.

Er kann mich gut an den November 1984 erinnern. Wir waren 200 Mann im Feldlager. Kein Arzt, kein Feldscher – nur ich als einziger Sanitäter. Das hat mich wohl etwas geprägt.

Meine Kompanie bestand mittlerweile aus den ZwiPis, die alle schon Frau und Kinder hatten und zwischen 26 und 30 Jahre alt waren. Also nicht mehr ganz fit.

Dazu kam noch eine Kompanie von Frischen, die auch in diesem Alter waren. Keiner von denen hatte jemals gezeltet – vor allem nicht im November.

Ich war damals noch zarte 19 und schon EK. Und ich mußte den Arzt spielen – das war ein Befehl. Und Befehle befolgt man, wenn man nicht in den Bau will.

Die Zelte der Offiziere wurden natürlich beheizt. Und ich bekam ein Sani-Zelt mit Ofen, in dem ich meine „Sprechstunden“ abhielt. Ich hatte eine Riesenkiste mit Medikamenten, Mullbinden und Salben dabei. Die stand sonst immer unter meinem Bett in der Kompanie.

Meine Sprechstunden waren gut besucht. Die Familienväter hatten Verstauchungen, Prellungen oder böse Erkältungen. Man trieb sie wohl über irgendwelche Äcker und war nicht zimperlich mit den alten Säcken.

Ich fühlte mich nicht wohl. Verantwortung für 200 Männer und der nächste Med.-Punkt mit Ärzten war 80 km entfernt.

Was wäre denn, wenn hier jemand abkratzt? Muß ich dann nach Schwedt? Da war der Knast für alle Soldaten, die Scheiße gebaut hatten. PLZ 133 – auf dem Maßband war diese Zahl rot markiert. Niemand wollte dorthin – es war die Hölle auf Erden.

Also suchte ich ein Gespräch mit dem Lagerkommandanten. Ich wollte zumindest einen Feldscher an meiner Seite haben. Der Offizier schiß mich zusammen. Das wars. Arschbacken zusammenkneifen und weitermachen.

Ich spielte den Arzt. Ich gab Medikamente aus, versorgte kleine Wunden und benutzte die Salben. Und träumte von meiner Entlassung. Und hoffte, daß hier niemand ins Gras beißt.

Es war nicht einmal ein Sankra vorhanden. Nix – ich hatte Schiß und betete, daß die zwei Wochen bald vorbei sind. Denn im Zweifelsfalle ist der mit dem niedrigsten Dienstgrad schuld.

Einen blöden Fall hatte ich. Ein Familienvater hatte einen Herz/Kreislaufkollaps. Man stellte mir den Küchen-Ello zur Verfügung. Da saß ich mit dem Soldaten und schlug ihm unentwegt ins Gesicht, damit er nicht einschläft und wegtritt. Ich redete mit ihm, ich schrie ihn an. Die Kochtöpfe rumpelten und der Fahrer fuhr mit Vollgas auf holprigen Feldwegen.

80 km können lang sein. Jedenfalls erreichten wir unseren Med.-Punkt in der Kaserne und ich konnte ihn lebend abgeben. Dann ging ich auf die Kompanie zum Duschen. Ich hatte die Schnauze gestrichen voll.

Mein Feldscher sagte mir nachher, daß ich alles richtig gemacht habe. Ich lachte nur trocken und fuhr wieder zurück ins Feldlager.

Es ging alles gut aus. Anfang Dezember war der Spuk vorbei. Ich durfte Weihnachten nach Hause und feierte dann Silvester in der Kaserne – im Klubraum unserer Kompanie. Ich hatte sogar eine Pulle Rotkäppchen besorgt. Und schon war ich zwanzig Jahre alt. Drei Tage später ging es nach Lübbenau.

So war das damals.