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War Günter Mittag unfähig?

Er bewegte sich innerhalb eines Systems, das selbst ein Fähiger nicht ändern konnte.

Es gibt viele Zusammenhänge, die man kennen sollte. Ein kurzer Abriß dazu.

Fangen wir mit den Rohstoffen an. Die DDR hatte nur ihre lausige Braunkohle. Alles andere war nicht nennenswert. Aber wenn man eine chemische Industrie und den Maschinenbau auf Weltniveau bringen will, braucht man Erdöl und Eisenerze.

Beides bekam man von der Sowjetunion. Natürlich kostete das Geld. Es gab den TR – Transferabler Rubel. Die Verrechnungswährung im RGW.

Die SU hatte nichts zu verschenken. Die Preise orientierten sich am Weltmarkt. In 5-Jahres-Verträgen. Und dann in 3-Jahres-Verträgen. Das führte Anfang der 80er zu der absurden Situation, daß die DDR mehr an die SU bezahlte, als die Weltmarktpreise hergaben. Außerdem verkaufte die SU lieber gegen Devisen und hielt die Liefermengen für uns kurz. Das ging soweit, daß der Schalck-Golodkowski Devisen beschaffen mußte, damit die SU genügend Erdöl an uns lieferte.

Den Verkauf devisenbringender Produkte ins NSW praktizierten übrigens alle Bruderländer. Die DDR war da Spitzenreiter. Optische Geräte, Möbel, Kühlschränke usw. aus der DDR gab es im Otto-Katalog der BRD. Und natürlich wurden Maschinen und Anlagen ins NSW verkauft, die dann hier fehlten…

Kommen wir zum Sozialprogramm und stabilen Preisen. Die Mieten, Preise für Grundnahrungsmittel und Öff.Verkehrsmittel blieben gleich. Ebenso die für Kultur, Schulessen, Ferienheimen oder Krankenversicherung. Usw.usf.

Dagegen stiegen die Löhne und Gehälter jedes Jahr. Wohin mit dem Geld, das nicht durch Konsumgüter abgedeckt werden konnte? Es enstanden zuerst Exquisit- und Deliläden. Man mußte irgendwie das Geld abschöpfen. Alle Betriebe waren an der Leistungsgrenze und konnten ihre Konsumgüterproduktion nicht mehr steigern. Also mußten Luxusgüter her.

Oder eben eine Modeproduktion bei langlebigen Gütern. Bei Möbeln zum Beispiel. Man wollte die Bürger dazu bringen, ihre Möbel öfter auszutauschen. Wir hatten ein paar Seminare mit einem Genossen eines führenden Möbelherstellers. Man glaubt es kaum.

Die Ausgaben für das Wohnungs- und Sozialprogramm führten auch dazu, daß alle Betriebe nichts mehr in ihre Anlagen und Maschinen investieren konnten. Die Abteilung I– Produktion von Produktionsmitteln – wurde stark vernachlässigt. Alles wurde auf Verschleiß gefahren. Die Abteilung II – Produktion von Konsumgütern – hatte Vorrang. Geht natürlich nicht lange gut. Weil die Abteilung II von der Abteilung I abhängig ist. Das weiß jeder Ökonom.

Der Grundwiderspruch des realen Sozialismus: Steigende Löhne und Gehälter bei stabilen Preisen. Vernachlässigung der Abteilung I.

Das war u.a. ein Teil meines Studiums in Leipzig. Wir haben dort in den Seminaren mit dem Dozenten heftig diskutiert und gefragt, wieso nichts geändert wird, wenn das alles bekannt ist und hier sogar gelehrt wird. Warum man so in den Abgrund steuert. Schulterzucken.

Kommen wir zur SPK – Staatliche Plankommision. Da herrschte der Genosse Schürer. Der SPK war das auch alles bekannt. Sie sollte die Wirtschaft steuern – konnte es aber nicht, weil sie dem Ministerrat unterstellt war. Und der entschied was letztendlich passiert. So verschwanden viele kritische Studien in einer Schublade –  wie meine Abschlußarbeit…

Mein damaliger Fast-Schwiegervater arbeitete seit 1990 an der Kasse in Rudis Reste Rampe. Davor war er Abteilungsleiter in der SPK. Erst nach einem halben Jahr und vielen geleerten Whisky-Flaschen redete er mit mir darüber. Er war so tief gefallen, daß er Abstand brauchte.

Er erzählte mir, daß die SPK seit 1985 ständig Bittbriefe an Mittag und Honecker schrieb. Verständlich, daß ich hier nicht den Inhalt unserer Gespräche wiedergebe. Nur soviel: Es ging so nicht weiter. Es ist zum Heulen, wenn du zusehen mußt, wie der Zug in den Abgrund fährt. Du schreist den Lokführer an – aber der reagiert nicht. So sagte er es wörtlich. Sie wußten, daß mit Gorbatschow das Ende der DDR eingeläutet wurde. Die Abhängigkeit von der SU war zu groß. Man hätte 1985 vielleicht noch umsteuern können. Aber die Betonköpfe im Ministerrat verhinderten das. Die tauben Lokführer.

Man hätte gewaltige Kürzungen des Sozialprogramms durchführen müssen. Doch wer traute sich das? Niemand. Ökonomisch betrachtet würde man noch die Kurve kriegen können. Wenn man die gute Theorie in der Praxis anwendet.

Als das nach dem Mauerfall unter Krenz versucht wurde, war der Zug schon längst abgefahren in Richtung Abgrund. Der Rest ist bekannt. Der Genosse Generalmajor der Stasi, Schalk-Golodkowski, wohnte fortan schick in einer Villa am Tegernsee. Die Genossen Honecker, Krenz, Mittag oder Schabowski eher nicht.

So war das damals.