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Als ich Gerda kennenlernte war sie zarte 85 Jahre alt. Sie wohnte schräg unter mir in einer Mietskaserne in Lichtenberg.

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Gerda war neugierig auf den neuen Mieter und sprach mich im Flur an. Sie hatte Probleme mit der Hüfte. Ob ich ihr nicht helfen könnte. Beim Blumengießen.

Dazu mußte man auf eine Leiter steigen. Also half ich ihr.

So entwickelte sich eine wahre Freundschaft. Drei Nachmittage pro Woche saßen wir bei Kaffee und Kuchen in ihrer Wohnung und sie erzählte mir fast ihr ganzes Leben. Gerda wurde 1911 in Kärnten geboren und kam 1930 nach Berlin. Sie hatte alles miterlebt – die Nazizeit, den Weltkrieg, die Nachkriegszeit und dann die DDR. Über die BRD redeten wir nie. Da war nichts zu erzählen.

Sie war Jungkommunistin während der Nazizeit. Natürlich erzählte sie mir nur die angenehmen Anekdoten. Erzählen konnte sie wirklich gut. Es war nie langweilig, weil sie geistig voll auf der Höhe war und sich nie wiederholte.

Sie freute sich immer auf meine Besuche. Denn sonst kam kaum jemand. Ihr Adoptivsohn schaute nur alle 14 Tage vorbei.

Sie hatte ansonsten nur noch eine Nichte, die in Paris lebte. 1996 habe ich ihre Nichte in Paris besucht und das Geschenk von ihrer Tante übergeben. Ein dicker Bildband über Berlin. Ich mußte mit der Nichte und ihrem Mann Champagner trinken und ganz viel erzählen.

Der Mann der Nichte war jahrzehntelang Journalist bei einer weltbekannten Pariser Zeitung gewesen. Jetzt malte er Bilder und zeigte mir seine Kunstwerke. Öl auf Leinwand. Er rahmte sie auch selbst ein. Holzrahmen weiß angestrichen. Ich war begeistert. Zwei Bilder gefielen mir besonders. Was soll ich sagen? Die hat er mir sofort geschenkt.  (Eins davon seht ihr oben.)

Dann fuhr ich weiter zum Atlantik mit zwei schönen Gemälden im Kofferraum, die ich auch heil nach Hause bringen wollte. Ist mir gelungen. Die hängen noch heute in meinem Schlafzimmer über dem Bett.

1998 – da war Gerda bereits 87 Jahre – fragte sie mich, ob ich sie nach Schöneberg fahre. Sie hatte über eine Zeitung einen Second-Hand-Laden für Computer entdeckt. Da wollte sie hin. Sie hatte den Computer schon telefonisch reservieren lassen. Also fuhr ich mit ihr hin.

Total verrückt. Mit 87 Jahren will sie einen Computer und hat null Ahnung. Sie wußte nur, was dieses Wunderding alles kann.

Also habe ich ihr dann alles erklärt und auch ans Internet angeschlossen. Nach kurzer Zeit kam sie sehr gut alleine klar mit dem Ding. Das Ding bereitete ihr Freude. Mehr als die Zeitungen und die Fernsehprogramme.

Wenn ich Pilze sammeln war, hat Gerda sie alle geputzt. Hälfte für sie, Hälfte für mich. Sie brachte mir dann die geputzten Pilze mit einem Stück Butter und Zwiebeln und erklärte mir, wie ich die braten muß.

Das war eben ein echtes Mädel aus Kärnten. Leider ist sie nicht mehr am Leben. Aber sie wurde immerhin 96 Jahre alt. Vielleicht kann sie ja aus dem Himmel hier mitlesen. Dann wird sie nicken und still lächeln.

So war das damals.