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  • Papa – so langsam bekomme ich Angst.
  • Solltest du auch. Du bist mitten im Faschismus gelandet.
  • Faschismus?
  • Ja, so nennt man eine solche Herrschaftsform. Gab es schon mal vor einigen Jahrzehnten in einem deutschen Land. Die BRD möchte diese Tradition fortsetzen.
  • Ist es wirklich so schlimm? Und keiner sagt etwas?

  • Damals hat auch kaum jemand etwas gesagt. Es gab ein paar – aber die wurden weggesperrt oder sind freiwillig ins Ausland gegangen. Wenn sie das noch konnten. Fast alle Schriftsteller sind vor der Diktatur geflüchtet. Kannst du selbst nachlesen. Ich kenne die Geschichte zu gut.
  • Und wenn es überall so ist wie hier?
  • Dann haben wir einen globalen Faschismus. Da ist jede Flucht ausgeschlossen. Es ist auch völlig egal, wo du eingesperrt wirst.
  • Scheiße … Ich wollte – ich dachte, daß ich noch etwas erleben kann.
  • Das wünsche ich dir auch. Aber zur Zeit sieht alles irgendwie braun wie die Scheiße aus.
  • Warum ist das so?
  • Daß Scheiße braun ist?
  • Nö. Dieses riesige Gefängnis hier. Warum machen die das?
  • Warum? Es geht um viel Geld und Macht. Als du noch jünger warst, habe ich dir erklärt, daß mein Leben in der Diktatur 1990 begann. Vorher war ich frei.
  • Ja, ich weiß das noch. Da habe ich dich etwas über die DDR ausgefragt. Ich habe das damals nicht verstanden. Jetzt schon.
  • Du lernst aber schnell. Du könntest mein Sohn sein.
  • Papa – hör auf mit deinen Witzen. Die kann ich gerade nicht gebrauchen.
  • Ich weiß. Jetzt bin ich wieder ernst. Wenn man mich eines Tages aus meiner Wohnung holt, würde mich das nicht wundern. So war das damals auch. Dann kannst du für mich beten.
  • Papa – ich habe noch nie gebetet. Ich weiß nicht, wie das geht.
  • Immerhin bist du getauft worden – deine Mama wollte das so. Du bist erzkatholisch.
  • Ich?
  • Wer sonst.
  • Bist du auch getauft?
  • Ich habe Kirchen nur im Ausland besichtigt – wegen der Architektur und der Bilder.
  • In meiner Klasse hat niemand ein gutes Gefühl. Auch nicht in meiner Fußballmannschaft. Wir sind alle ziemlich tief unten. Wie hältst du das alles aus?
  • Ich ignoriere vieles und nehme Bestimmtes nicht zur Kenntnis. Ich lenke mich mit anderen Dingen ab, die mir Freude machen. Ich denke an mein schönes Leben in der DDR. Ich lese viel in alten Büchern. Ich schreibe viel. Ich denke viel.
  • Dir geht das alles am Arsch vorbei?
  • So ziemlich.
  • Können wir beide tauschen?
  • Was tauschen?
  • Unsere Leben. Ich will lieber deins und du bekommst meins.
  • Wenn das gehen würde, würde ich das machen. Ist aber kaum möglich. Verbringe viel Zeit mit Kristine – das lenkt dich ab.
  • Wenn wir zusammen sind, ist alles andere nicht so wichtig.
  • Geht doch.
  • Papa? Ich fahr jetzt zu Kristine. Ciao.
  • Ciao Sohn.

Telefonat beendet.