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Karl hatte sich eine Mainelke an die Brusttasche seines Hemdes geheftet. Der 1. Mai war schon immer ein besonderer Tag für ihn gewesen.

Das war ein Feiertag, an dem man lustig war, das schöne Wetter genoß und irgendwo an einem See grillte und reichlich trank.

Oder man ging in eine Kneipe und feierte und tanzte dort.

Karl hatte sein ganzes Arbeitsleben im Bergbau verbracht. Also tief unter der Erde und ohne Sonnenlicht. Als er Rentner wurde, waren seine Knochen ziemlich kaputt. Aber er konnte noch ganz locker ohne irgendwelche Gehhilfen laufen. Darauf war er stolz.

Viele in seinem Alter konnten kaum noch kriechen. Karl war nun schon 89 Jahre alt und fühlte sich fit. Er machte jeden Tag seinen Frühsport und ging viel spazieren.

Sein Leben machte ihn zufrieden. Er hatte immer Arbeit und mußte sich nie Sorgen um die Zukunft machen. Er hatte jetzt zwei Urenkel – denen ging es nicht so gut. Die mußten betteln, damit sie einen Job bekamen.

Karl schüttelte sich. Schon dieses komische Wort „Job“ kam ihm merkwürdig vor. Nun gut, es waren jetzt andere Zeiten angebrochen. Er verstand das nicht. Wollte es auch nicht mehr. Sein Leben war fast vorbei. Das wußte er. Vielleicht würde er noch 10 Jahre leben. Oder nur fünf.

Nun marschierte er los zum Garten seiner Tochter. Dort würden sie feiern. Die ganze Familie war da. Alle, die noch lebten und die ihm wichtig waren. Der Schwiegersohn hatte ein Spanferkel besorgt und jede Menge Getränke.

Karl freute sich auf den Tag. Er war auch froh, daß man ihn eingeladen hatte. Denn er war der Älteste. Seine Frau war vor acht Jahren gestorben. Seitdem hatte er nur noch seine Tochter, seine Enkel und Urenkel. Aber er hatte trotzdem einen Grund, um glücklich zu sein. Denn viele in seinem Alter hatten keine Familie, die sich um die Alten kümmerte.

Auf dem Weg gingen ihm so viele Dinge durch den Kopf. Die Nazizeit hatte er als kleiner Junge erlebt. Dann dieser schreckliche Weltkrieg aus dem sein Vater nie zurückkehrte. Die Bomben, der Hunger, die weinende Mutter. Und seine beiden kleinen Geschwister, die ständig Angst hatten.

Sie lagen immer zu dritt in einem Bett. Und er fühlte sich verantwortlich für die beiden. Er besorgte ihnen Brot und alles andere. Er klaute überall, damit die beiden was zum Essen hatten und nicht jammerten.

Seine jüngeren Schwestern waren schon tot. Er fand es ungerecht, daß die beiden vor ihm starben. Aber ändern konnte er das nicht.

Er machte noch einen Abstecher zum Friedhof, um seine Mutter, seine Frau und die Schwestern zu besuchen. Sein Vater ruhte irgendwo in Rußland. Den konnte er nicht besuchen.

Als er vom Friedhof kam, saß eine kleine Katze vor dem Tor und miaute jämmerlich. Karl nahm sie auf den Arm und marschierte weiter. Die hatte bestimmt Hunger und war ganz alleine. Irgendwas würde sich schon bei seiner Tochter zum Fressen für dieses kleine Ding finden lassen. Vielleicht würde er sie auch behalten – dann wären sie wenigstens zu zweit.

Schnell war er im Garten seiner Tochter angekommen. Das Spanferkel drehte sich über dem Grill und sein Schwiegersohn reichte ihm sofort ein Bier. Zusammen standen sie am Grill und schauten in die Glut.

Karl fühlte sich wohl und rülpste nach dem ersten Schluck.

Die kleine Katze hatte einen Fisch bekommen, den sein Schwiegersohn morgens geangelt hatte. Sie schnurrte und lief munter im Garten umher.

Karl wußte jetzt, daß die kleine Katze zu seinem Leben gehörte. So wie der 1. Mai.