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Ich hatte 1991 einen Antrag auf Stasi-Akteneinsicht gestellt. Nach einigen Wochen kam die Antwort:

Es existiert keine Akte über mich.

Ein bißchen verwundert war ich schon, da ich politisch unzuverlässig war. Und angeblich gab es ja für jeden DDR-Bürger eine Stasi-Akte.

Beim Studium in Leipzig waren wir nur ca. 50 Jungs – dazu noch 250 Mädels – in meinem Studienjahrgang. Also hielten die Jungs zusammen. Denn die Mädchen waren in einer Notlage und nutzten jedes Mittel, um uns gefügig zu machen …

Unsere Hochschulauswahl (Fußball) war sowieso total verschworen. Wir trainierten einmal in der Woche und spielten am Sonntag gegen andere Mannschaften von Leipziger Hochschulen.

Nach jedem Spiel – auf einem Platz direkt vor dem Zentralstadium – gingen wir in die nächste Kneipe und stellten das Spiel nochmal mit Bierdeckeln nach. Dabei floß immer reichlich Bier.

Unser eisenharter Verteidiger (Köhlerliesel) war jemand, der über die Stasi zum Studium delegiert wurde. Er bekam 700 Mark (!) Stipendium pro Monat.

Das hat er uns freimütig erzählt. Bei irgendeinem Besäufnis. Er konnte das mit der Stasi auch begründen. Er wollte nahe seiner Heimatstadt ein Gästehaus der Stasi leiten. Rein gastronomisch. Das war der einzige Grund.

Wir haben ihn gefragt, ob er über uns Berichte geschrieben hat. Nein, hat er nicht. Dieser Verein interessiert ihn nicht. Er wollte die 700 Mark und das Gästehaus.

Jedenfalls haben wir bestimmt über 100 Abende zusammen gesoffen, gefeiert und gesungen. Und es gab wirklich keine Akte über mich.

Wir haben ihm damals auch vertraut – denn er hatte es von sich aus erzählt. Niemand hatte ihn gezwungen. Niemand hatte ihn verdächtigt. Er war ehrlich und legte die Karten auf den Tisch, bevor es uns ein anderer erzählen konnte.

Sein jüngerer Bruder spielte damals in der Oberliga Fußball und wurde danach Trainer.


Das fiel mir gerade ein, weil wir alle Politische Ökonomie des Kapitalismus als wichtiges Hauptfach hatten. Also die Theorie von Marx, die heute grundgesetzfeindlich sein soll.

Alles im Zusammenhang mit diesem Artikel bei Telepolis.

Ich bin mir sicher, daß die BRD eine Akte über mich angelegt hat.


So war das damals.