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Krause hatte mir nicht alles erzählt. Nicht sofort. Vielleicht lag es daran, daß ihm einige Sachen zu nahe gingen.

Vielleicht hatte er es auch nur vergessen. Das werden wir nie erfahren.

Ein Gespräch, von welchem ihm Kumru berichtet hatte.

Kumru durfte noch ihre Ausbildung abeschließen – aber kurz danach sollte die große Hochzeit in Anatolien stattfinden.

Sie schmiedete also schon einige Wochen Fluchtpläne mit ihrer besten Freundin Lena. Deren Mutter – Gabi – war Richterin am Amtsgericht.

  • Kumru, Lena hat mir alles erzählt. Du weißt, daß ich Richterin bin.
  • Ja.
  • Die Flucht ist deine einzige Chance. Kein deutsches Gesetz kann dich schützen.
  • Warum ist das so?
  • Weil Gesetze nur im Nachhinein den Täter bestrafen. Das hilft dem Opfer nicht – vor allem wenn es schon tot ist. Gesetze sind nicht präventiv. Verstehst du?
  • Ja. Es ist trotzdem Scheiße.
  • Sicher. Aber euer Plan ist gut. Und du bekommst jede Unterstützung von mir und Lena.
  • Danke.
  • Also Finnland. Oulu.
  • Ja. Da wird mich niemand suchen. Und ich kann neu anfangen.
  • Hast du Angst davor?
  • Nein. Ich habe nur Angst vorm Hierbleiben und Anatolien.
  • Gute Basis. Nun zu den Einzelheiten: Hier ist ein Handy mit SIM-Karte. Läuft auf meinen Namen und über mein Konto. Die Nummer kennen nur wir drei. Okay?
  • Ja. Damit mich niemand verfolgen kann.
  • So ist es. Überleg dir genau, wem du die Nummer gibst.
  • Ja.
  • Kumru – es gab schon genug Ehrenmorde. Da hilft nur eine gut geplante Flucht.
  • Ich weiß.
  • Wann willst du los?
  • Sobald ich meinen Berufsabschluß in Papierform habe.
  • Mama – darf ich auch mal was sagen?
  • Ja Lena.
  • Morgens um 3 Uhr geht eine Fähre nach Helsinki von Travemünde. Die nimmt Kumru, nachdem wir unsere Zeugnisse erhalten haben. Ihre wichtigen Anziehsachen sind schon hier. Außerdem bekommt sie die Campingausrüstung von meinem Bruder. Er hat schon zugestimmt.
  •  Du hast einen netten Bruder abbekommen.
  • Mama! …  Wir brauchen dein Auto.
  • Traust du dir die Fahrt zu?
  • Ja. Du weißt, daß ich gut fahren kann.
  • Gut. Sobald Kumru auf der Fähre ist, rufst du mich an.
  • Mitten in der Nacht?
  • Ja. Ich werde sowieso kaum schlafen können. Fahr vorsichtig – auch auf der Rückfahrt. Ich kann mir morgens ein Taxi nehmen, wenn du zu spät kommst.
  • Ja Mama.
  • Kumru – du hältst ständig Kontakt mit Lena. Verstanden?
  • Ja.
  • Und wenn du Probleme hast, dann sagst du es ihr sofort. Auch falls du Geld brauchst. Okay?
  • Ja.
  • Lena – du berichtest mir ständig. Wir beide sind jetzt Kumrus Familie.
  • Mama, das ist ja wohl klar. Ich arbeite für Kumru mit. Sie wird dort schon einen Job bekommen.
  • Gut. Ich bin morgen gegen 17.00 Uhr zu Hause. Dann gibt es ein Abschiedsessen und wir stellen den Proviant zusammen. Wann wollt ihr losfahren?
  • 21.00 Uhr.
  • Alles besprochen. Ich gehe ins Bett.

Krause hatte auch viel Unrecht in der BRD erlitten. Vielleicht hatte er deshalb alles verdrängt. Aber wer kann schon in einen Menschen reinschauen …