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  • Atze – wieso bist du auf Hartz 4?
  • Mein Betrieb ging in Insolvenz. Ich war über 35 Jahre dort. Dann saßen wir plötzlich auf der Straße. Irgendwelche sinnlosen Kurse beim Jobcenter. Ich war über 50. Wer sollte mich noch einstellen?
  • Gute Frage.
  • Niemand. Lieber ein paar billige und ungelernte Fachkräfte – keinen erfahrenen Mitarbeiter.

  • Also gab es euch schon in der DDR?
  • Ja. Wir sind blind in den Kapitalismus gestolpert und haben noch 25 Jahre durchgehalten.
  • Scheiße.
  • Wie war das bei dir Kalle?
  • So ähnlich. Fast genauso.
  • Jetzt sammeln wir Flaschen und warten auf die Rente.
  • Die wird auch nicht viel besser sein – wir werden weiter Flaschen sammeln und bei der Tafel anstehen müssen.
  • Wieso ist das alles so gekommen?
  • Was gekommen?
  • Na daß die DDR plötzlich weg war.
  • Keine Ahnung. Nie drüber nachgedacht. Ging alles viel zu schnell.
  • Stimmt.
  • Man kann die Zeit auch nicht zurückdrehen. Geht nur bei den Zeigern einer Uhr. Hilft aber nicht.

Atze seufzt etwas und trinkt einen großen Schluck Bier. Kalle guckt teilnahmslos vor sich hin. Beide schweigen lange. Draußen rattert eine Straßenbahn vorbei. Dann läuten die Glocken einer Kirche.

  • Kalle – wenn du dir was wünschen könntest …
  • Ein sorgenfreies Leben ohne Flaschen sammeln und Tafel und Hartz 4.
  • Ich auch. Ich träume manchmal davon. Aber es passiert sowieso nicht.
  • Nee.
  • Aber wenn man noch Träume hat, ist alles erträglicher. Träumst du nicht?
  • Nee. Kann mich nicht erinnern.
  • Was hast du beim Mauerfall gemacht?
  • Geschlafen. Hab nichts gemerkt. Und du?
  • Ich war auf der Bornholmer Brücke dabei. War nicht schlecht. Nur alles, was danach kam …

Langes Schweigen und ein neues Bier nebst Zigarette.

  • Kalle – meinst du, daß wir sehr alt werden?
  • Ich nicht. Hoffentlich.
  • Willst du ins Grab?
  • Da ist wenigstens Ruhe. Dann kann ich vielleicht träumen.

Kalle und Atze liefen nach Hause.