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Es war der Blick auf das vertraute Umfeld, wenn sie aus dem Fenster sah. Schon als Kind kannte sie nur dieses Panorama. Das hier war ihre Heimat.

Aber eins hatte sich verändert: Ein Gebäude war verschwunden.

Katrin war etwas älter als der Fernsehturm – aber nur einen Monat. Der Turm gehörte zu ihrem Berlin, seit sie denken konnte. Links davon die Marienkirche, daneben die Wasserkaskaden, weiter vorne der Neptunbrunnen und gleich dahinter das Rote Rathaus.

Der Palast an der Spree war verschwunden. Die Wessis hatten ihn nach der Annexion abgerissen – angeblich wegen Asbest. Dumme Ausrede – in ganz Europa verbaute man Asbest. Aber die Westberliner Gebäude stehen noch alle.

Der Abriß war ein poltischer Akt der Besatzer. Das wußte jeder hier. Nun stand dort ein häßliches Schloß, welches die Ostberliner nicht mochten. Ein Protzbau der Besatzer.

Wie hatten sie sich damals in der Palastdisco vergnügt! Und danach noch mit einer Flasche Wein am Neptunbrunnen die Nacht genossen.

Katrin hatte nach dem Abitur an der Humboldt studiert und mittendrin verschwand die DDR. Sie unterrichtete danach an einem Gymnasium. Das tat sie heute noch. Vielleicht noch 10 Jahre und dann würde sie in den Ruhestand gehen.

Die Fahrt mit der TransSib würde dann endlich stattfinden. Mindestens sechs Wochen. Manu, ihre beste Freundin, freute sich auch schon darauf. Heute abend konnten sie wieder Reisepläne schmieden. Wo stieg man aus? Welche Stadt war interessant?

Sie setzte sich an den Schreibtisch, um noch ein paar Klausuren zu korrigieren. Um sechs war sie mit Manu verabredet. Manu wollte kochen und zu Hause bleiben. Aber feiern würden sie sowieso. Das Ritual hatten sie beibehalten.

Heute war bereits der 72. Jahrestag ihres Landes, daß über Nacht verschwunden war. Manu und sie erinnerten sich gerne an dieses kleine und stolze Land.

Die Erinnerungen konnte ihnen auch niemand nehmen.