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Klaus war heute in Erfurt angekommen. Er war tagelang in Thüringen umhergeirrt – von einem Amt zum nächsten, um seinen Tagessatz an Sozialleistungen zu bekommen.

Er hatte keinen Wohnsitz und kein Konto mehr.

Das Jahr 1990 hatte alles weggespült, was er bis dahin hatte und kannte. Seitdem ging es nur noch abwärts. Immer wenn er dachte, er könnte nicht tiefer sinken, passierte es trotzdem.

Nun war er ein arbeits- und wohnungsloser Penner.

In der DDR wäre das nicht möglich gewesen. Da hatte er alles für ein glückliches Leben gehabt. Aber seit der Annexion von 1990 war seine Existenz bedroht. Tag für Tag.

Er war müde – todmüde.

Klaus mußte pinkeln. Er holte seinen Lümmel aus der Hose. Der stank erbärmlich, weil er seit Wochen kein Wasser mehr gesehen hatte.

Auch seine Klamotten stanken und starrten vor Dreck. Klaus hatte viele Nächte im Wald übernachtet. Nun sollte es anders werden. Ein anderer Penner hatte ihm von einem Abrißhaus in Erfurt erzählt. Da wollte er hin.

Klaus schlenderte zum Domplatz. Dort war es gewaltig laut. War schon Faschingszeit?

Er schaute auf sein Pre-Paid-Telefon. Heute war der 3. Oktober. Also kein Fasching.

Neugierig beobachtete er das Treiben auf dem Platz. Er verstand nicht, was die da so feierten. Es sah auch alles so inszeniert aus. Klaus lief schnell weiter.

Er mußte an den Stadtrand – dort sollte das Haus stehen.

Zwei Stunden später erreichte er sein Ziel. Vor dem Haus lungerten ein paar Penner rum, soffen Bier und hatten einen Grill angeschmissen.

Der Größte von den Pennern sprach ihn an.

  • Wer bist du?
  • Klaus aus Ostberlin. Seit einem Jahr obdachlos.
  • Ich bin Jürgen. Willkommen in unserem bescheidenen Palast. Bierchen?
  • Ja – gerne. Was feiert ihr hier eigentlich?
  • Wir feiern nicht. Wir begehen den Tag der Zweiheit. Die einen leben in Armut und die anderen in Saus und Braus. Das Fleisch auf dem Grill hat uns ein befreundeter Jäger spendiert. Wildschwein vom Feinsten.
  • Riecht gut.
  • Warte mal eine halbe Stunde, dann wird gegessen. Vorher erzählst du uns deine Lebensgeschichte.

Klaus sprach über sein verkorkstes Leben. Alle lauschten aufmerksam und stöhnten manchmal.

Dann gab es Wildschwein.

Klaus bezog seinen Schlafplatz und war zufrieden. Hier würde er vorerst bleiben.

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