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  • Herr Müller – sie waren der einzige Arbeits- und Obdachlose in der DDR. Wie haben sie das geschafft?
  • Ich bin da einfach nicht mehr hingegangen. Weder zur Arbeit noch in meine Wohnung. Es war alles so hoffnungslos. Morgens war es dunkel und abends auch. Mein Leben ödete mich an. Ich wollte auch nicht so sein, wie die anderen.
  • Hat sie niemand gesucht?
  • Zuerst hat der Betriebsdirektor den zuständigen ABV informiert. Der suchte mich ein paar Tage. Aber dann gab er auf.
  • Wo und wie haben sie dann gelebt?
  • Ich war bei einer Freundin. Die hat mich versorgt. Dafür habe ich gekocht, geputzt und sie auch ficken müssen.
  • War das nicht ein gutes Abkommen?
  • Einerseits schon – aber andererseits …  Ich hockte jeden Tag in dieser Wohnung rum und langweilte mich. Es war morgens dunkel und abends auch.
  • Herr Müller, was hat sich seit dem Mauerfall für sie verändert?
  • Es ist morgens dunkel und abends auch. Ich habe keine Wohnung mehr und auch keine Arbeit. Es hat sich nichts verändert.
  • Waren sie im Herbst 89 auf der Straße?
  • Ich? Wozu? Ich hatte ja eine Wohnung und auch Arbeit …
  • Aber sie wollten beides nicht.
  • Nein. Damals nicht.
  • Und heute?
  • Heute würde ich beides wollen.
  • Und die Dunkelheit – also morgens und abends?
  • Die ist noch da.
  • Herr Müller – wurden sie politisch verfolgt oder bevormundet?
  • Nein. Zumindest habe ich nichts gemerkt.
  • Fühlen sie sich jetzt freier?
  • Nein. Im Gegenteil. Ich muß mich ständig irgendwo melden oder anstehen. Außerdem werde ich überwacht.
  • Überwacht?
  • Überall hängen Kameras – auf jedem Bahnhof, in jedem Kaufhaus. Auch im Obdachlosenheim sind die.
  • Aber sie könnten doch wieder bei ihrer Freundin wohnen?
  • Geht nicht – die ist in den Westen abgehauen.
  • Wann?
  • Das muß so 1998 gewesen sein.
  • Warum sind sie nicht mitgegangen?
  • Was soll ich im Westen?
  • Herr Müller – wir danken für das Gespräch.