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  • So Sohn – jetzt kann ich deine Frage beantworten. Über Kreis und Gerade.
  • Warte mal – ich gebe dich an Kristine weiter. Sie wollte das wissen.
  • Hallo Kristine. Du sprichst mich grundsätzlich mit du an. Kein Herr oder sowas.
  • Hallo. Verstanden.
  • Wie bist du auf diese Frage gekommen?
  • Ich lese sehr viel. Und je mehr ich lese, desto mehr Fragen habe ich. Paradox oder?

  • Nee. Das ist das Ergebnis des Lesens. Je mehr du liest, desto weniger weißt du.
  • Stimmt.
  • In vielen Kulturen betrachtet man das Leben als Kreis. Vor allem in Asien. Dort gibt es keinen Anfang und kein Ende. Die Toten begräbt man nicht, sondern verbrennt sie meistens. Man errrichtet keine riesigen Grabsteine, sondern hat einen Schrein oder ein Wandboard im Wohnzimmer. Dort wohnen die Toten. Da stehen die Bilder der Verstorbenen und immer eine Büchse mit Räucherstäbchen. Jeden Abend wird eins entzündet und etwas gebetet. Und dann damit rumgewedelt.
  • Das kennst du von deiner vietnamesischen Freundin?
  • Ja, auch. Ich habe das jeden Abend in unserer Wohnung erlebt. Aber ich war vorher auch schon in Vietnam, Laos, Kambodscha und Thailand unterwegs. Da habe ich begriffen, daß die Leute dort völlig anders denken. Ein Todestag war kein Trauertag. Man hat mit der ganzen Familie gefeiert und den Schrein mit vielen Speisen zugestellt. Für die Toten. Und natürlich viel Papiergeld – so eine Art Spielgeld. Und die Räucherstäbchen fehlten nie. Frische Blumen gab es auch immer auf dem Schrein. Du findest diese Tradition in abgewandelter Form bei vielen Naturvölkern – also den Ureinwohnern. In Afrika, bei den Indianern oder auch in der Karibik. Natürlich auch in Australien oder Neuseeland.
  • Ich glaube, daß ich das verstanden habe. Das Leben hat keinen Anfang und kein Ende. Also ein Kreis.
  • Ja. Wir Europäer sehen das Leben als Gerade. Anfang und Ende. Und am Ende wird gejammert. Wir gehen zum Todestag auf den Friedhof und feiern eher nicht. Schade.
  • Weißt du, so ähnlich habe ich mir das schon gedacht. Nun muß ich das auch so erleben wie du, damit mir das richtig klar wird. Die persönlichen Erfahrungen überzeugen einen wohl mehr als jedes Buch.
  • Kristine – wie willst du deine Eltern mit Australien überlisten?
  • Ich tarne das als Urlaub. Wenn ich nicht wiederkomme, haben sie Pech gehabt.
  • Hast du Probleme mit deinen Eltern?
  • Ja. Sie haben schon mein ganzes Leben verplant. Das gefällt mir nicht. Ich will eigene Wege gehen – verstehst du das?
  • Natürlich. Ich unterstütze euch. Das weißt du ja.
  • Danke.
  • Ciao Kristine.
  • Ciao.

Telefonat beendet.